
Ein historischer Tag
Das Gute an erster Stelle: Die letzten noch lebenden 20 Geiseln sind wieder frei.
Und der Waffenstillstand hält noch.
In sämtlichen Medien sind die Ereignisse diese Tages fast ganztägig live dokumentiert und kommentiert worden. Ist dies ein Tag, der nicht nur heute sondern auch in der Zukunft als historischer Tag gesehen werden wird? Konkret: Kann der ausgehandelte Waffenstillstand in Gaza von Dauer sein und Frieden in der ganzen Region von Dauer bleiben?
Bemerkenswert ist, dass sowohl auf israelischer wie auch auf palästinensischer Seite gejubelt wurde und noch wird. Dazu ist zu klären, ob der aus dem Waffenstillstand zu erreichende Frieden gerecht sein kann, sprich, dass keine Seite bevorzugt wird. Denn jeder Frieden, der nicht gerecht ist, birgt die Saat für einen neuen Krieg oder neue Auseinandersetzungen in sich.
Noch ist vieles offen, das noch zu verhandeln ist. Noch bleibt einiges ungeklärt, dass aber für eine dauerhafte Friedenslösung wichtig und somit zu klären ist. Jetzt schon von einem "ewigen Frieden" zu sprechen, kann ich nur als einen frommen Wunsch bezeichnen, dessen Erfüllung sich sicher die meisten Menschen wie auch ich jedoch erhoffen. Ich selbst habe eine ähnliche Hoffnung bereits 1978 gehabt nach Unterzeichnung des Friedensabkommens von Camp David [1].
Als am 17. September 1978 der Vertrag von israelischer und ägyptischer Seite unterzeichnet war, waren Hoffnung und Euphorie ähnlich groß.
Nachdem Jimmy Carter am 4. November 1980 bei der US-Präsidentschaftswahl nicht wiedergewählt wurde (Grund war vor allem die Wirtschaftskrise zu dem Zeitpunkt in den USA), der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat am 6. Oktober 1981 durch Islamisten aus den Reihen der Gruppe al-Dschihad ermordet worden ist und auch Israel unter dem 1981 wiedergewählten Präsident Menachem Begin die Armee in den Libanon als Reaktion auf Raketenangriffe durch die PLO einmarschieren ließ, begann die Hoffnung auf einen Frieden im Nahen Osten zu schwinden.
Zurück in die Gegenwart: Seit dem 6. Oktober verhandelten Vermittler aus Katar, Ägypten und der Türkei mit Vertretern Israels und der Hamas im ägyptischen Scharm El-Scheich über die Umsetzung der ersten Phase des 20-Punkte-Plans. Zur Unterzeichnung des Abkommens kam US-Präsident Donald Trump nach kurzem Zwischenstopp in Israel heute nach Scharm al-Scheich, wo allerdings sowohl Vertreter Israels als auch der Hamas fehlten [2][3].
Es ist gut, dass die noch lebenden 20 Geiseln im Rahmen der Umsetzung des 20-Punkte-Plans nach zwei Jahren endlich freigekommen sind.
Und es ist gut, dass die Waffen schweigen und ein Waffenstillstand erreicht worden ist.
Aber wie stabil ist dieser Waffenstillstand?
Und wer setzt ab jetzt die weiteren Punkte des Plans um?
Der Weg zu einem dauerhaften Frieden scheint noch lang, insbesondere solange die Hamas noch bewaffnet im Gaza-Streifen agiert und Hinrichtungen an ihren Gegnern und Widersachern vollzieht und sich gleichzeitig die israelische Politik im Westjordanland nicht ändert und sich immer wieder Angriffe von Siedlern auf palästinensische Bürger ereignen.
Sehr bedenklich ist in diesem Zusammenhang auch der Anstieg der Popularität der Hamas im Westjordanland (laut [2] hat diese sich in den vergangenen drei Monaten mehr als verdreifacht). Dies stellt eine Zukunft von Gaza ohne Hamas in Frage.
Was macht den Tag noch historisch?
Fast untergegangen ist eine Meldung desselben Tags: Aufgrund der mittlerweile schon fast 1,4-Grad durchschnittlich betragenden Erderwärmung macht ein neuer Bericht deutlich:
Große Teile der Warmwasser-Korallenriffe könnten sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten absterben, denn für viele sei bereits ein Kipppunkt erreicht [4].
Dies stelle das Überschreiten eines Kipppunktes dar, verbunden mit dem Risiko, dass das Kippen eines Klimasystems das Kippen anderer Systeme auslöse oder beschleunige [5].
Unter einem solchen Kipppunkt ist zu verstehen, dass das Erwärmungsniveau, ab dem solche Systeme selbst verstärkenden und oft unumkehrbaren Veränderungen unterliegen. Dann würden etwa viele der tropischen Korallenriffe absterben, selbst wenn die Menschheit die weitere Klimaerhitzung begrenzt [5].
Gleichzeitig werden weltweit Klimaziele aufgeweicht, Ziele der Umstellung von Industrien und Verkehr zur Klimaneutralität verschoben.
Dazu kommt tags darauf die Meldung, dass laut Waldzustandsbericht 2025 das Abholzen von Wäldern entgegen internationalen Vereinbarungen 2024 ein neues Maximum erreicht hat.
Weltweit ist im vergangenen Jahr dem neuen Bericht zufolge Wald eine Fläche fast so groß wie Portugal zerstört worden. Die Fläche, die dauerhaft verloren ging, vergrößerte sich im Vergleich zu 2023 um 1.7 auf 8.1 Millionen Hektar. 2022 waren demnach 6.6 Millionen Hektar Wälder verloren gegangen. [6].
Allein Brasiliens Wald ist in 40 Jahren um eine Fläche geschrumpft, die dem Dreifachen der Fläche Deutschland entspricht.
Die Resilienz der Erde scheint abzunehmen [5].
Dabei hatten sich unter anderem mehr als 140 Länder auf der UNO-Klimakonferenz 2021 in Glasgow eigentlich verpflichtet, die globale Waldzerstörung bis 2030 zu stoppen. 350 Millionen Hektar geschädigter Landschaften und Wälder sollten bis dahin eigentlich wieder hergestellt werden [6].
Welch ein Tag!
Wenn es der Menschheit nicht gelingt, Frieden zu schaffen und Kriege zu beenden.
Wenn wir weiter unsere Lebensgrundlagen zu zerstören,
wird aus einem historischen Tag ein bedeutungsloser Tag.
Denn wem soll ein historischer Tag etwas bedeuten, wenn wir unsere Geschichte zuvor beenden.
Quellen und Verweise:
[1] wikipedia.de: Abkommen von Camp David, 1978
[2] wikipedia.de: Krieg in Israel und Gaza, 2025
[3] tagesschau.de: Gaza-Friedenserklärung in Ägypten, 13.10.2025
[4] tagesschau.de: Tropische Korallenriffe kaum mehr zu retten, 13.10.2025
[5] zdfheute.de: Forscher sehen Kipppunkt erreicht: Viele tropische Korallenriffe könnten
bald absterben 13.10.2025
[6] srf.ch: Waldzustandsbericht 2025 - Wälder werden weltweit immer schneller zerstört,
14.10.2025